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» Als ich den Krieg überlebte – und doch noch fast umgekommen wäre.

Ein Beitrag von Heinz Seemann

Von meinem letzten Kriegsschuljahr 1944/45 habe ich nur einige Tage in der Schule verbracht. Zum Schuljahresbeginn am 28.08.1944 erhielten die Jungen der Jahrgänge 1928/29 – soweit sie nicht als Luftwaffenhelfer zur Flak (Flugabwehr) abgestellt waren – einen Gestellungsbefehl an die deutsche Grenze bei Geldern/Straelen zum Bau einer Verteidigungslinie gegen die heranrückenden amerikanischen und englischen Truppen. An diesem Westwall habe ich bis Ende Januar 1945 mit bauen müssen bei der Anlage von Schützengräben, Bunkern, Maschinengewehrnestern und der tiefen und breiten Panzergräben, die Panzer stoppen sollten.

Bis Mitte Februar 1945 wurden wir inzwischen 15 Jahre alt gewordenen Fronthelfer in einer Schule von Kamp-Lintfort an Waffen wie dem Karabiner, den Handgranaten und der Panzerfaust (eine kleine Rakete, die ein Einzelner aus Schulterhöhe gegen Panzer abschoss) zum Volkssturmmann ausgebildet. Dies sollte Ende Februar 1945 in einem Wehrertüchtigungslager fortgesetzt werden. Beim Kurzurlaub zu Hause erlebte ich mit, wie die deutschen Truppen sich eilends über die Rheinbrücken von Rheinhausen und Homberg nach rechtsrheinisch absetzten. Die Bevölkerung verließ ihre Häuser und lebte fast nur noch in den Luftschutzbunkern. Die Männer machten öfters Kontrollgänge, ob die Häuser noch intakt waren und keine Plünderungen vorkamen.

Als ich mit einem Nachbarn einen solchen Gang machte, stießen wir in Nähe des Trompeter Bahnhofs auf ein gesprengtes Flakgeschütz. Daneben lehnte eine Leiter an einer Hauswand auf der ein geschlachtetes Schwein hing. Messer lagen noch daneben. Wir teilten es auf und trugen die Hälften des von den geflohenen Flaksoldaten verlassenen Schweins nach Hause. Welch ein Glücksfall, da es eh nichts mehr zu kaufen gab!

Einige Tage später war Trompet „Niemandsland“. Manchmal kamen amerikanische Spähtrupps vorbei, einmal erschien sogar im Bunker ein deutscher Trupp, der von Duisburg unter dem Rhein bis zur Bergheimer Zeche Mevissen gelangt und dort ausgefahren war. Die Amerikaner marschierten nur vorsichtig weiter vor, nachdem ein einzelnes tiefgebautes Sturmgeschütz in Zusammenwirken mit deutscher Flak sechs hohe US-Sherman-Panzer in Kaldenhausen abgeschossen hatte. Am späten Abend des 3.März 1945 war aber ein amerikanischer Vortrupp bis Trompet Vorgerückt und hatte dort im Gasthof Trompet (heute Landhaus Schwafheim) einen Gefechtsstand gebildet und mit Wachposten abgesichert. Einem solchen Posten lief ich in die Arme, als ich nachts einen Kontrollgang durch die Bindestrasse machte. Plötzlich brüllte mich jemand an: „Stop, Hands up! Come on!“ Hinter einem Erdwall lagen zwei US-Soldaten mit Waffen im Anschlag. Sie durchsuchten mich nach Waffen, fragten nach deutschen Soldaten und der Bevölkerung und was ich hier suchte. Ich beschrieb ihnen die Lage des Luftschutzbunkers und zeigte ihnen meinen Ausweis. Als sie sahen, dass ich 15 Jahre alt war und gegenüber wohnte, durfte ich gehen. Einer sagte zu mir noch in gebrochenem Deutsch:“ My grandma war auch eine Deutsche.“

Erst nach dem 23.3.1945 stießen Amerikaner und Engländer bei Wesel über den Rhein. Sie gaben ihre Stellungen bei uns oft in kürzester Zeit auf. Wir Halbwüchsigen wussten, was die Amis beim Abzug an begehrten Dingen zurückließen: Zigaretten, Kaffee, Lebensmittel, Kleidung und auch Waffen, gefragt auch im aufkommenden Schwarzmarkt. So schlichen wir als Landeskundige schon früh noch in der Nacht an ihre Stellungen heran und warteten auf den Abzug. Viele hatten Säcke dabei, in denen sie anscheinend Futter für ihre Karnickel sammelten, die sich damals viele Familien hielten. So kam es, dass ich neben den anderen Sachen im Laufe der Zeit einige Handgranaten der Amerikaner gesammelt hatte, von denen ich durch deutsche Soldaten wusste, dass man damit auch gut Fische fangen könnte.

Als die Masse der amerikanischen und britischen Truppen den Niederrhein verlassen hatte und im Vormarsch durch das innere Reichsgebiet war, gab es hier nur wenige Standortbesatzungen, so dass Kinder und Jugendliche, deren Schulen erst im Herbst 1945 wieder geöffnet wurden, viel Zeit und Raum für ihre Spiele hatten. So sprachen mich einige Trompeter Jungs drauf an, ob wir nicht doch mal im Rumelner Baggerloch Fische fangen sollten. Gesagt – getan! Wir nahmen einige Eierhandgranaten mit und sammelten uns auf der Trompeter Seite des kleinen Baggerlochs. Dort standen damals noch viele große Betonrohre von etwa 2m Durchmesser, die man im Krieg auf flache Waggons montierte, um oben ein Maschinengewehr oder ein Flakgeschütz auf das runde Loch des Rohrs zu setzen und ringsum auf Jagdbomber schießen zu können. In diese Rohre schickte ich meine Spielkameraden. Ich öffnete vor den Rohren den Metallbügel der gänseeigrossen Handgranate, zählte 21, 22 und 23, wollte die Granate weit weg ins Wasser schleudern, wurde aber irritiert durch ein Vorzündergeräusch im Bügel und warf sie schnell die Böschung hinunter. Ich schoss in die Röhre hinein und schrie:“ Alles hinlegen!“ Ein ohrenbetäubendes Krachen, Qualm und das Zischen der Splitter! Die Granate war an Land explodiert, kein Fischlein getroffen.

Nie wieder haben wir Fische fangen gespielt und die restlichen Handgranaten übergaben wir als „Fundstücke“ der Militärpolizei.


Der Autor als 14-jähriger am Tage seiner Konfirmation in der Ev. Friedenskirche von Bergheim – Oestrum am 19.3.1944.

Er sah sehr ernst drein, die Zeit war eben so, und die pausenlosen nächtlichen Bombenangriffe ließen uns nicht zur Ruhe kommen.



Der Autor als 14 –jähriger. Das Bild befand sich auf meiner Dienstkarte der Hitlerjugend vom 18.4.1944.
Das Bild zeigt ihn in der Winteruniform der Hitlerjugend mit der er auch zum „Schanzen“ an den Westwall musste.
Später konnte er sich damit als 15 – jähriger am 3.3.1945 vor einem amerikanischen Spähtrupp ausweisen.

Ahnenforschung










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