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» Das Auswandern um 1850

Ein Beitrag von Klaus Sefzig

Gründe der Auswanderung

Die Jahre ab 1816 waren in der Landwirtschaft katastrophale Fehljahre bedingt durch ungewöhnlich nasskalte Witterungsverhältnisse. Die Getreidepreise stiegen in diesen Jahren auf fast das Doppelte an. Aus diesem Grunde war ein Teil der Bevölkerung kaum in der Lage, das Existenzminimum zu erreichen.

Ein Zeitzeuge schrieb: „ ... vom 6. Januar bis zum 15. May hat es immer geschneit, gehagelt oder geregnet. Im Dorf mussten ungefähr 40 Rinder notgeschlachtet werden. Kühe und Pferde krepieren und von den Häusern und Scheunen wird das Stroh von den Dächern heruntergeholt, um das Vieh zu füttern. Und es ist kein Korn für Geld zu bekommen. Die Hungersnot nimmt stark zu.

1842 hingegen verursachte der allzu trockene Sommer Missernten und Futtermangel.

1841 - 1843 reduzierte ein stark um sich greifender Kartoffelpilz die Kartoffelernte auf etwa 45 % des normalen Ernteergebnisses. Schwere Ernährungskrisen mussten hingenommen werden und Erscheinungen spezifischer Not, wie Hungertyphus, herrschten in diesen Jahren am Niederrhein.

1855 bewirkte die starke Kälte das Zufrieren des Rheins. Auch hier finden wir in einem Tagebuch folgendes verzeichnet: „Im Jahr 1855 ist eine sehr große Kälte gewesen und der Rhein hat gestanden. Seit Menschengedenken ist das Eiswasser nicht so schnell gekommen wie dieses Jahr. Es sind viele Unglücke geschehen, Mensch und Vieh sind umgekommen. Diese entfesselten Eiswasserfluten des Rheins, der von Wesel bis Uerdingen zugefroren war, kamen nach einigen Tagen Tauwetter im März in Bewegung. Das Eis, das der Bewegung des Stromes nicht folgen konnte, durchbrach die Dämme an vielen Stellen und das einströmende Wasser richtete große Verwüstungen in weiten Teilen des Moerser Landes an. Die Bäche führten extremes Hochwasser, von dem Äcker und Weiden überflutet wurden und durch das die Felderzeugnisse mehr oder weniger zu Grunde gingen.

Finanzierung der Auswanderung

Auswanderungswillige finanzierten ihre Überfahrt und den Start in die Neue Welt, indem sie Hof und Ländereien verkauften und so zu einem gewissen Startkapital kamen. Der Verkauf eines Morgens Ackerland brachte z. B. Mitte des 19. Jahrhunderts 300 Gulden, für eine Kuh erzielte man vielleicht 50 Gulden oder ca. 33 1/3 Reichstaler. Ein Knecht erhielt fürs Jahr 30 Reichstaler an Lohn, eine Magd hingegen musste sich mit einem Jahreslohn von 10 Reichstalern begnügen.

Die Passage auf einem Segler kostete zu dieser Zeit für einen Erwachsenen rund 30 Reichstaler.

Überfahrt

Im 19. Jahrhundert setzte sich die deutsche Auswanderung nach Übersee zu 90 % aus Emigranten nach Nordamerika zusammen

Blickt man in die Geschichte der Emigranten, so lehrt uns dieser Blick das Gruseln. Die Auswanderer nach Übersee mussten während der Überfahrt mit den Segelschiffen das Hauptmaß der Leiden erdulden.

Für die Wartezeit im Hafen und die Überfahrt konnte man unter Umständen bis zu vier Monate rechnen. Viele Gastwirte nutzten die Lage der Wartenden aus und zockten diese regelrecht ab. Die Atlantikpassage mit einem Segelschiff dauerte um 1834 durchschnittlich fünfzig Tage.

Die Zeiten auf den Segelschiffen waren für die Passagiere aber die reinste Hölle. Kapitäne und Auswanderungsagenten, die alle von der Zahl der Emigranten profitierten, zogen in den Frachträumen ihrer Schiffe Zwischendecks ein, die sie mit noch mehr Passagieren füllten. Mehrere hundert Leute wurden in diese Zwischendecks, die gerade einmal 1,80 m hoch waren, gepfercht. Fünf Personen hatten ein Quadrat von sechs Fuß zur Verfügung, das jedoch nur zum Sitzen oder Schlafen geeignet war. Raum für Kinder war nicht vorgesehen, sie wurden einfach den Erwachsenen „zugepfercht". Sitzgelegenheit und Tische gab es nicht. Viele Gepäckstücke stapelten sich zwischen den Bettgestellen.

Übergriffe waren an der Tagesordnung, zumal bei stürmischem Wetter weil die Luken geschlossen bleiben mussten. Dann verwandelte die Seekrankheit das Zwischendeck in ein Hospital. Toiletten gab es nicht. Die aufgestellten Eimer, die als solche dienen sollten, kippten auf hoher See dauernd um, so machte sich übler Gestank breit.

Oft trat auch ein Mangel an genießbarem Wasser auf, da die Besatzung das Wasser ungeklärt aus dem Fluss in Fässer pumpte. Die medizinische Versorgung war immer völlig unterentwickelt, da es an Bord keinen Arzt gab. Das Zusammenhocken der Menschen auf kleinsten, ungelüfteten Räumen, die Ausdünstungen der Ladung, der Mangel an Hygiene und die Gleichgültigkeit der Reisenden bewirkten das Ausbrechen gefährlicher Krankheiten wie Cholera, Typhus und Blattern. Sie forderten hauptsächlich unter den Neugeborenen und Kleinkindern ihre Opfer.

So war es schon eine starke Leistung, lebend in Amerika anzukommen. Die Todesrate lag pro Überfahrt bei 10 %.

1853 liefen z. B. 72 Schiffe aus Bremerhaven Richtung Amerika aus. Sie hatten insgesamt 29.900 Reisende an Bord. Während der Überfahrt waren 2.300 Tote zu beklagen.

Diejenigen, die in einigermaßen gesundem Zustand die amerikanischen Häfen erreichten, mussten sich nun jedoch hüten, nicht den „runners", den New Yorker Ausbeutern, in die Hände zu fallen. Sie nahmen den „Greenhorns" das Geld auf alle mögliche Art und Weise aus den Taschen. New York wurde zunehmend das „Haupteingangstor" zur Neuen Welt. Von dort aus ging es weiter in die Staaten.

Ahnenforschung










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