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» Der Agnetenhof – Ein niederrheinisches Kleinod mit Geschichte

Ein Beitrag von Heinz Seemann

In Kapellen, dem südlichen Vorort von Moers, gibt es außer dem wohlbekannteren Schloss Lauersfort nahe beim Lauersforter Wald ein weiteres architektonisches Juwel, den Agnetenhof. Das Rheinische Amt für Denkmalpflege hat gut daran getan, ihn im September 2oo8 auf die Liste der geschützten Baudenkmäler zu setzen, weil es ein gut erhaltenes, anschauliches Beispiel einer repräsentativen Hofanlage in einem weitgehend intakten, noch landwirtschaftlich geprägtem Raum ist und damit bedeutend für die Geschichte des Menschen, der Städte und Siedlungen (Auszug aus der Begründung).

Obwohl sich die Geschichte des Hofes bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, tritt er in das Licht der Öffentlichkeit eigentlich erst im 19.Jahrhundert, als die im Krefelder Raum weithin bekannte und erfolgreiche Seidenweberei und -handelsfirma DE GREIFF den Hof erwarb und ihn vergrößerte. Das abgebildete stattliche Herrenhaus wurde von der Familie DE GREIFF 1826 nach Westen hin gebaut und mit einer großen Garten- und Parkanlage versehen. In Kapellen wurde der Hof Greiff-Hof genannt 1).



Der Agnetenhof Gartenseite (zum Vergrößern anklicken)

Dr. Heinrich PATTBERG, Generaldirektor der Bergwerke Rheinpreußen und Neumühl, die Haniel (Ruhrort Homberg) gehörten, erwarb den Hof 1925. Er benannte ihn Agnetenhof nach dem Vornamen Agnes, seiner Frau. Im gleichen Jahr ehelichte seine Tochter den Bergwerksdirektor Dr. Heinrich KOST, der 1931 die Nachfolge seines Schwiegervaters als Generaldirektor der Haniel-Bergwerksgruppe antrat und 1957 den Agnetenhof als Familiensitz übernahm.

PATTBERG wie KOST haben sich um die rentable Erschließung der links-niederrheinischen Kohlevorräte bei schwierigen Abbaubedingungen – das absinkende Schieferdeckgebirge wurde häufig durch Fließsand und Brüche gestört – hoch verdient gemacht und den Einsatz der Grubentechnik mit Hobel- und Schrämm-Maschinen zur Ertragssteigerung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen optimiert. In ihrer Zeit wurden die Grundlagen für die Kohle-Chemie sowie für die sehr aufwendige Verflüssigung von Kohle in Treibstoffe wie Öl und Benzin gelegt. 1936 nahm man die erste Fischer-Tropsch-Anlage in den Treibstoffwerken Moers in Betrieb. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört und später wegen Nichtrentabilität dieses Verfahrens nicht wiederaufgebaut.



Innenhof

In den mehr als 40 Jahren, die Dr. Heinrich KOST (189o-1978) auf dem Agnetenhof lebte, wurde dieser wie die meisten Höfe noch nicht spezialisiert betrieben, sondern als Allround- Hof für Ackerbau und Viehzucht. Entsprechend groß war der Bedarf an Stallungen und Scheunen. Man errichtete 1936 den großen Stall mit dem Glockenturm nach Holderberg zu. So wurde aus einer Doppelhofanlage eine Hofanlage mit drei geschützten Innenhöfen. Der Hof liegt nahe dem alten Rheinbett Aubruchsgraben und den Niederterrassenfeldern (unter 3o m NN), so dass er eine gute Lage hat. Ohne einen guten Verwalter war das Gut mit 57 ha nicht zu bewirtschaften (228 Morgen). Mit den später gebauten offenen Stroh- und Gerätescheunen ist der Hof auch nach Nord und Ost hin gut geschützt. Komplett kann man den Hof nur aus der Luft aufnehmen. Der Agnetenhof ist bis heute im Eigentum der Erben PATTBERG – KOST verblieben.

Die einzige Tochter Heinrich KOSTs heiratete den Mediziner Prof. Dr. WORTH. Aus dieser Ehe sind zwei Söhne hervorgegangen, die ebenfalls Mediziner wurden. Frau WORTH sen. geb. KOST, lebt in der Nähe des Agnetenhofes, der seit dem Tode Heinrich KOSTs 1978 von einem neuen Pächter verwaltet wird, mit Ausnahme des getrennt vermieteten alten Herrenhausteils. Bevor auf dessen und seiner Familie für den Hof segensreiche Aktivitäten eingegangen werden soll, müssen noch einige Daten und Fakten erwähnt werden, die auf die historische Bedeutung dieses Hofes und seines bekanntesten Eigentümers Dr. KOST hinweisen.

KOST hatte insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg eine hohe Reputation sowohl als überragender Wirtschaftsführer regional und bundesweit als auch wegen seiner herausragenden Rolle als christlicher Sozialpolitiker. Dies äußerte sich schon in einer schier unüberschaubaren Zahl von Ämtern und Ehrenämtern 2). Die CDU hatte sich als neue Partei im vorläufigen Ahlener Programm von 1947 auf Druck christlicher Gewerkschaftler wie Jakob KAISER oder Karl ARNOLD die Vergesellschaftung der Schlüsselindustrien Kohle, Eisen, Stahl auf die Fahnen geschrieben. Ludwig ERHARD und andere mehr Marktwirtschaftlich orientierte CDU-Politiker nutzten die Zeit bis zur Verabschiedung des Grundgesetzes der Bundesrepublik von 1949, dies zu verhindern.



Luftschutzbunker

ADENAUER legte sich auf die darin verankerte soziale Marktwirtschaft erst nach zahlreichen Gesprächen fest, die er mit ERHARD und einer Reihe von namhaften Wirtschaftsführern der Schlüsselindustrien führte. So fand 1949 auch eine 26stündige Konferenz zwischen Konrad ADENAUER, Ludwig ERHARD und Heinrich KOST in dem eingangs abgebildeten Herrenhaus auf dem Agnetenhof statt. KOST, der rigide staatliche Planungs- und Lenkungsformen im Dritten Reich als Wehrwirtschaftsführer von Staats wegen zur Genüge kennengelernt hatte, trat entschieden gegen jede Form der Verstaatlichung ein. Es ist sicher maßlos übertrieben, wenn die Neue Ruhr Zeitung (NRZ) seinerzeit in Erinnerung an diese Konferenz titelte 3): Geburt der freien Marktwirtschaft, denn diese hat das Grundgesetz eben nicht gebracht – auch unter dem Einfluss aller Gewerkschaftler! Nach, dem Tod von Dr. Heinrich KOST 1978 setzte vor allem von jüngeren Autoren eine kritischere Betrachtung seiner Person und Funktionen ein. Man kritisiert dabei nicht zu sehr seine enge Verbindung zur NSDAP und sein Wirken als Wehrwirtschaftsführer im Kriege.



Dem konnte er sich als Wirtschaftsfachmann kaum entziehen, moniert aber deutlich, dass er nach dem Krieg nie ein Wort des Bedauerns oder der Schuld über seine Tätigkeit als Leiter der sogenannten Russenkommission geäußert habe, die für den Einsatz von Hunderttausenden Kriegsgefangener und Fremdarbeiter, von denen viele umkamen, in den Ruhrzechen verantwortlich war. Es ist nicht Sinn dieses Beitrags, die Problematik aufzuarbeiten. Es sei hier auf die sehr gründliche Darstellung in Bernhard SCHMIDT über die Zeit des Nationalsozialismus in Moers verwiesen 4). Folge ist aber, dass in den letzten Jahren der Name KOST kaum noch in Veröffentlichungen auftaucht.

So führt der lesenswerte Beitrag von Hans- Ulrich KRESS über 15o Jahre Bergbau am linken Niederrhein 5) unter den Pionieren den Namen KOST nicht einmal anzeigt, aber ein Bild von der 1oo-Jahr-Feier in der Lohnhalle der Pattberg-Schächte Repelen, auf dem KOST neben Ludwig ERHARD ganz vorne sitzt (ungenannt). Am 11. Juni 2010 jährt sich der Geburtstag Heinrich KOSTs zum 120.Male – vielleicht ein Anlass zu einer nicht unkritischen, aber doch zusammenfassenden Gesamtschau, zumal auch Bernhard SCHMIDT einräumt: Wenn Moers je einen überragenden, ja reichs- und bundesweit anerkennten Wirtschaftsführer besessen hat, dann dürfte es der frühere Rheinpreußen-Generaldirektor Heinrich KOST gewesen sein.“6)


Innenhof, zum Teil als Bauerncafe genutzt

So eng kann die Liebe zwischen Reichsführung und KOST wohl auch nicht gewesen sein, denn, der Agnetenhof wurde während des Zweiten Weltkriegs als Sitz des Luftgaukommandos West der Luftwaffe beschlagnahmt. Der Autor erinnert sich noch gut daran, mit seinem Pimpfenzug während des Krieges von den Posten dieses heute noch zu sehenden Wachbunkers am Hofeingang barsch abgewiesen worden zu sein, als wir beim Rückmarsch vom Traarer Egelsberg nach unseren dortigen Fahrtenspielen auf dem Wege nach Rheinhausen hier Rast einlegen wollten. Der Hof war absolutes Sperrgebiet, mit Tarnfarben bemalt und von grünen Tarnnetzen überspannt.

Dieser Teil der Scheune , vor der heute Kaffeegäste sommers rasten können, ist nur noch eingeschränkt zu nutzen,weil sich dahinter der mächtige Betonluftschutzbunker des damaligen Luftgaukommandos verbirgt. Auch die am 3. März 1945 von Süden über Krefeld nach Norden vorstoßende 9. US-Arme mit jeweils drei Panzer- und Infanteriedivisionen hatte für etliche Wochen einen Gefechtsstand auf dem Agnetenhof, denn erst am 10. April 1945 begann der Rheinübergang. Dr. Heinrich KOST, der kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner auf den Agnetenhof zurückgekehrt war, hatte nach der Niederlage der 6. Deutschen Armee in Stalingrad 1943 mit dem Widerstand Kontakt aufgenommen und sich auch dem Befehl Hitlers widersetzt, alle Zechen und Industriebetriebe linksrheinisch vor dem Einrücken der Amerikaner zu sprengen, dem Zugriff der Gestapo konnte er aber entgehen.

Schon kurz nach der Besetzung des linken Niederrheins hatte KOST in Zusammenarbeit mit den anderen Zechenleitern den linksrheinischen Bergbau wieder in Gang gebracht. Er hat dann später auch die Alliierten davon überzeugt, das Zechen-und Energiebetriebe auf keinen Fall demontiert, also abgebaut und an die Siegermächte geliefert werden mussten. Kehren wir aber zur Idylle der heutigen Hofanläge zurück, die seit dem Tode Heinrich KOST's im Jahre 1978 vom Dipl.-Ing. Agrar Hans BRÜGELMANN und seiner Familie verwaltet und betrieben wird. Der Hof ist mustergültig gepflegt und allmählich in eine gute Reitanlage sachkundig umgewandelt worden mit Liebe und Sinn für Details. Der aus Ratingen stammende Bauernsohn H. BRÜGELMANN gewinnt den Großteil des benötigten Strohs, Heus und Futters auf Agnetenhof.



Blick auf die Stallungen

Der Reiterhof ist mit allem ausgestattet, was Reiter aller Sparten benötigen, z. B. Reithalle, Außenplatz, Sandbahn, Logier- und Springplatz sowie eigene Reitwege zum Lauersforter Wald. Die Familie BRÜGELMANN wohnt inmitten des Reiterhofs im Verwalterhaus. Auch nichtreitende Gäste sind jederzeit auf dem Hof willkommen, sei es um unter Bäumen oder in netten Räumen eine Tasse Kaffee zu trinken mit einem hausgebackenen Stück Kuchen. Besuchergruppen sind im Bauernhof-Cafe nach Anmeldung willkommen. Wer mit dem Pkw kommt, kann diesen außerhalb des Reiterhofes auf einem gut sichtbaren Platz an der Holderberger Straße 171 in Moers-Kapellen abstellen.



Pferdeboxen

Der Verfasser dieses Textes, der seit Geburt nur wenige Kilometer entfernt im Nachbardorf lebt, fand Zugang zum Agnetenhof erstmals in seinem Leben über diese nette, auf ein altes Kellerfenster gemalte Einladung zum Besuch des Kaffee-Kränzchen Hofcafes an einem Sonntag bei einer Radtour über den Grafschafter Wander- und Radweg auf der alten Trasse der Kreisbahn, die früher von Moers Bahnhof über Vinn – Kapellen – Niep zum Hülserberg und von dort weiter zum Krefelder Nordbahnhof führte. Unwillkürlich musste er an seinen ersten vergeblichen Versuch denken, den Hof während des Krieges näher in Augenschein zu nehmen. Und die Idylle, jetzt hier unter Bäumen bei einer Tasse Kaffee zu sitzen und dem Reiterbetrieb zuzuschauen, kam ihm viel angenehmer vor als das noch so interessante Aufblättern der Geschichte dieses so schönen Agnetenhofes.

Schriftenverzeichnis:

HABERMEHL, Diethard: Heinrich Kost – Ein Portrait; in:
JÄHNICHEN, Traugott; FRIEDRICH, Norbert & HERTIG, Wolfgang (Hrsg.): Den Wandel gestalten, S. 38-41; Essen 2000
KANTHER, Michael A.: Zwangsarbeit in Duisburg (= Duisburger Forschungen, Bd. 49); Duisburg 2004
KRESS, Hans-Ulrich: 150 Jahre Bergbau am linken Niederrhein; in: Jahrbuch der linksrheinischen Ortsteile der Stadt Duisburg, S. 50-56; Duisburg 2008;
KRÖGER, Erika: 75 kostbare Jahre; Heimatkalender des Kreises Moers 1966, S. 59-64; Moers 1965
SCHMIDT, Bernhard & BURGER, Fritz: Tatort Moers; Moers 2005
SCHMIDT, Bernhard: Heinrich Kost: Symbiose eines deutsch-nationalen Spitzenunternehmers – oder Widerständler? in: SCHMIDT, Bernhard (Hrsg.): Moers unterm Hakenkreuz, S. 650-680; Essen 2008


Anmerkungen:

1) Informationen über diese bedeutende Krefelder Familie finden sich unter anderem im Internet unter http://de.wilipedia.org/wiki/Cornelius_de_Greiff
2) Für die häufigen Angaben im entsprechenden Schrifttum seien hier stellvertretend die Veröffentlichungen von Erika KRÖGER 1965 sowie B. SCHMIDT 2008 genannt.
3) NRZ vom 27. September 2003, DNMO, Moerser Teil, S. 3
4) SCHMIDT 2008; S. 650-680
5) KRESS 2008
6) SCHMIDT 2008; S. 651; diese Veröffentlichung enthält ein umfassendes Schriftenverzeichnis.

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