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Als ich 1937 konfirmiert wurde
Ein Beitrag von Herrn Prof. Klaus Grözinger
Bilder zum Vergrößern bitte anklicken

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Was es in meiner Kindheit in Haus Rheineck und in seinen Wohnungen nicht gab:
– keinen Kühlschrank – keine Waschmaschine – kein Bad – keine Dusche
– kein WC (Erst 1936 gab es durch den Kanalanschluß WC, auch für Haus Rheineck)
– keine Zentralheizung – keinen Elektroherd
– keinen Boiler – keine Spülmaschine – keine Mikrowelle – keine Küchenmaschinen – kein elektr. Bügeleisen oder sonstige elektr. Hausgeräte
– kein Gas – kein Auto – kein Telefon – kein Fernsehen – kein Handy – keinen Plattenspieler es gab aber schon:
– elektrischen Strom und Beleuchtung – einen vom Vater gebastelten Kopfhörerempfänger
– fließendes kaltes Wasser, das Abwasser aus den Küchen wurde in den Teich geleitet (s.links).
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Das ist der Winterdeich
zur Eindämmung des Rheinhochwassers,
das meistens im Frühjahr bis zur Hälfte,
manchmal auch höher, der Deichkrone nahe kam. |

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Das ist 1922 das Haus Rheineck, mein »Elternhaus«,
auch im Volksmund Burg oder Schloß Rheineck genannt.
In der mittleren Etage wohnte unsere Familie. Das Umfeld wunderbar ländlich, eine tolle Spiellandschaft. Dort habe ich meine Kindheit und Jugend erlebt.
Das Haus wurde in den fünfziger Jahren »platt« gemacht. Krupp brauchte mehr Platz für sein neues Walzwerk. Haus Rheinneck,
im Volksmund auch Schloß oder Burg Rheineck genannt, wurde 1887 als Restauration in den Winterdeich hineingebaut. Das Foto zeigt einen Blick aus der Rheinaue.
In unserer Kindheit und Jugend ein einzigartiges Gelände für Spiele und Abenteuer-Erlebnisse.
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Vom Rheineck-Turm aus aufgenommen, habe ich ca. 1938
mit meiner Agfa-Box das Foto gemacht.
Im Hintergrund Krupp, die Friedrich-Alfred-Hütte mit ihren Hochöfen. Das ganze Gelände wurde von Krupp aufgekauft, alles eingeebnet und darauf neue
Industrieanlagen errichtet, die auch z.T. wieder »platt« gemacht wurden. Krupp gibt es hier nicht mehr. |
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Als ich 1937 konfirmiert wurde
Immer an einem Dienstag war von 16 – 18 Uhr Konfirmationsunterricht – »Unterricht« wie wir es nannten – im evangelischen Gemeindehaus im Dorf Friemersheim. Dort wurde eine große Anzahl, Jungen und Mädchen (s.Foto)
vom Geistlichen mit Wesentlichem auf das große Ereignis, die Konfirmation, vorbereitet. Das war in Wortbeiträgen und Gesang. Mit viel Wissen aus dem Alten und Neuen Testament und besonders aus dem
Katechismus, dem Lehrbuch im christlichen Religionsunterricht, machte uns der Pfarrer vertraut.Vieles davon mußte von uns auswendig gelernt werden.
Beim »Unterricht« saßen die Mädchen immer in der rechten, die Jungen in der linken Bankreihe. Das gehörte sich so. Und vorne stand der Herr Pfarrer, der hieß Pabst.
Das fanden wir alle sehr komisch, daß uns ein »Pabst« konfirmieren sollte. Ob dieser Pabst nun mit b oder p geschrieben wurde, das weiß ich nicht mehr. Im
Braunschweiger Telefonbuch werden die hiesigen Päbste mit einem »b« geschrieben.
Seinerzeit litt ich, zwar vorübergehend, aber gegenüber meiner Geduld viel zu lang, an einem unangenehmen Pickelausschlag auf meinem Oberkörper, bis hoch zu meinem
Hals und das ringsum. Ärztlich wurde dieser Zustand täglich mit einer Tinktur behandelt, die auch meinen Hals leuchtend rosa-lila einfärbte und daher gut sichtbar erstrahlen ließ. Natürlich wurde ich
damit zum Gespött der anderen Unterricht-Jugendlichen, was mein Leiden nicht verringerte. Christlich war das nicht unbedingt.
Damals führte ich noch ein Tagebuch, daß ich 1936 während der Olympiade in Berlin, begonnen hatte. In diesem Tagebuch machte ich am Dienstag einer jeden
Woche die Eintragung »Unterricht«. Am 8. September 1936, auch ein Dienstag, heißt es unter anderem »Ich werde wegen fortdauerndem Melden, für das nächste
Mal beurlaubt« und am 17. Oktober finde ich »soll für den Fleiß beim nächsten Mal ein Buch bekommen.« Ich glaube, es war ein schmaler Band über Luthers Leben.
Am Sonntag den 14. März 1937 fand während eines Gottesdienstes in der Dorfkirche von 15 – 17 Uhr und vor der versammelten Gemeinde, die öffentliche »Prüfung« von
uns statt. Dazu hatten wir bereits in unserer Konfirmandenkleidung zu erscheinen, auch eine kleine Schau der Eitelkeiten.
Die Prüflinge saßen vorne in den ersten Reihen. Auch hier in der Kirche saßen die Jungen und die Mädchen getrennt und nun die Jungen in der rechten, die Mädchen in der linken Bankreihe. Vorne, vor dem Altar, stand Pastor Pabst, der an an uns und ich glaube, an jeden persönlich, seine Fragen richtete die wir dann zu beantworten hatten. Das steigerte die Spannung in der Gemeinde, ob wir es auch wußten oder ob »einer« oder »eine« die Frage nicht beantworten konnte.
»Ich kam bei der Prüfung zwölf mal dran« so steht es in meinem Tagebuch und »Nach der Prüfung wurden wir alle photographiert.« Da stehen wir nun als die
junge Christengeneration aus Friemersheim und mitten drin Herr Pabst, unser Pastor. Die Konfirmation war, so viel ich mich erinnern kann, am nächsten oder an einem
der darauffolgenden Sonntage. Aber mein Tagebuch endet bereits am 15. März 1937, ein Tag nach der Prüfung und wurde nicht mehr weitergeführt.
Es gab in dieser Zeit sehr viele Ereignisse, die mich sehr beeinflußten. Dazu gehörte vor allem der frühe Tod meines Vaters, der unser Leben sehr veränderte,
vor allem sehr einschränkte, eigentlich einen finanziellen Notstand auslöste. Aber darüber später. Es gab die Entlassung aus der Dorfschule am 21. März 1937, ein wie ich immer
sage, »erfolgreicher Dorfschulabschluss«. Das Zeugnis war entsprechend. Dann kam die Nachricht von der Handwerkerschule der Stadt Krefeld, daß ich dort,
obwohl erst 14 Jahre, bereits zum Sommersemster 1937 in der Klasse für Buch- und Gebrauchsgraphik beginnen durfte. Eine große Ausnahme und nur unter der Bedingung, daß ich nach einem Jahr eine
Lehre im Grafischen Gewerbe beginnen müsse, um zunächst einen praktischen Beruf zu erlernen.
An meine Konfirmation kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, auf daß ich sie hier genau beschreiben könnte. Aber die Konfirmation in Friemersheim verlief wohl so, wie andere Konfirmationen in anderen Gemeinden verliefen und auch heute noch verlaufen. Sicher gab es mit den Gästen ein Mittagessen und Nachmittags den gemütlichen Plausch bei Kaffee und Kuchen.
Um nun meine Erinnerungen aufzurütteln habe ich meinen Bruder angerufen und ihn gefragt, der zwar mehr, aber auch nur Ungefähres wußte. Aber in unserem Gespräch ergab es sich, daß meine Konfirmation am Sonntag,
den 4.April 1937 stattgefunden hat. Hierzu waren Verwandte, unter anderen Geschwister meiner Mutter, also die Solinger Verwandschaft, angereist, die mich in die Kirche begleiteten.
Tante Lise, die älteste Schwester meiner Mutter, so erinnert sich mein Bruder, blieb in Haus »Rheineck« zurück, stand in unserer Küche am Feuerherd, um das Mittagessen vorzubereiten. Mein Bruder, so weiter seine Erinnerungen, kam aber an diesem Tag erst
morgens um fünf von seiner Abiturienten-Abschlußfeier zurück und mußte sich erst einmal ausschlafen.
Wie an diesem Ereignis üblich, gab es auch Geschenke, die aber im Vergleich zu heute und den seinerzeiztigen Umständen entsprechend, bescheiden ausfielen.
Aus Solingen erhielt ich aus der verwandschaftlichen und großväterlichen Schneidwarenfabrik eine Papierschere mit meinem eingravierten Namen. Diese Gravur hat meine Schere davor bewahrt, im Laufe der Zeit in einen anderen Besitz zu wechseln. Ich besitze und handhabe sie heute noch.
Dann erhielt ich ja auch meinen Konfirmationsanzug mit langer Hose. Darin war man ja schon mal wer! Die Verwandten meines verstorbenen Vaters in Reutlingen schickten mir die goldene
Taschenuhr meines Großvaters Christian Grözinger, die mich viele Jahre auch während meiner großen Wanderung von Stuttgart nach Sylt, begleitet hat. Heute trage ich keine
Uhr mehr bei mir. Von wem, ich weiß es nicht mehr, wurde mir das Buch »Schiller, durch Not zur Freiheit« geschenkt.
Von der Kirche gab es den Konfirmationsspruch. Aber der und andere Dokumente sind alle durch die Kriegs- und Nachkriegswirren verloren gegangen.
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Foto: Helmut Grözinger, ca. 1934
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Das ist unser Wohnzimmer, in dem das Familientreffen stattfand
mit Mittagessen und Kaffetrinken bei »gemütlichem Plausch«.
Da der Tisch ein Ausziehtisch war, konnte die Platte vergrößert werden, so daß alle Gäste daran ihren Platz hatten.
Die Lampe, mit dem großen Lampenschirm, war eine Zuglampe, die man in der Höhe verstellen konnte. An vielen Abenden saß hier die Familie Grözinger vereint,
und jeder las in seinem Buch. Da es lange Zeit kein Radio und Fernsehen überhaupt nicht gab,
wurde bei uns immer sehr, sehr viel gelesen oder auch mal »Mensch ärgere Dich nicht nicht« und anderes gespielt. Jeder hat seinen Stammplatz.
An der dem Betrachter zugewendeten Stirnseite war Vaters Platz, ich ihm gegenüber, also vor dem großen Schrank. Mutter saß rechts und mein Bruder Helmut links am Tisch.
Im großen Schrank wurden die Tischsachen, wie Bestecke, Porzellan, Gläser und Tischttextilien aufgehoben. Im oberen Teil, in der Schrankmitte war der Platz für Vaters Trophäen,Silberpokale und Becher, mit denen er als guter Schütze und Sieger bei Preis-
schießen des Reutlinger Zimmerschützen-Vereins ausgezeichnet wurde. Eine Sieges-schießscheibe hängt in der Küche in der Händelstraße.
Die Bilder an der Wand waren Holzschnitte nach den Gemälden von Franz Defregger mit Szenen aus dem Aufstand von Andreas Hofer und seiner Tiroler gegen Napoleons
Herrschaft darstellten. »Das letzte Aufgebot« stand unter dem linken Bild. Das dekorative Spinnrad erinnerte an die Reutlinger Herkunft war aber für uns Kinder
ein herrliches Spielzeug. Die Tapete, so meine ich, hatte einen grünlichen Ton. Der Fußboden,mit Linoleum ausgelegt, der immer von Helmut und mir gebohnert werden
mußte. Links, nicht im Bild, stand der Zimmerofen, in dem nur die hochwertige und glänzende Kohlensorte Anthrazit verbrannt wurde und uns damit an kalten Tagen einheizte und das Wohnzimmer und uns wärmte.
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Das ist das sogenannte Herrenzimmer.
Wohn- und Herrenzimmer waren durch eine zweiflügelige Tür getrennt oder auch verbunden. Eine willkommene Raumvergrößerung
anläßlich der häuslichen Konfirmationsfeierlichkeiten oder auch bei anderen Anlässen. Das Mobiliar war ganz anders als im Wohnzimmer. Gab es dort Stühle mit Flechtwerk
in Sitz und Rückenlehne, waren hier die Sitze mit Lederbezug ausgestattet und, wenn ich mich richtig erinnere, lag auf dem Fußboden ein Teppich. Die Deckenleuchte war
wieder etwas Besonderes mit ihren Glaskugeln und der Mittelleuchte und alles an Ketten aufgehängt. An der Decke waren zur Raumzierde dekorative Stuckarbeiten angebracht,
als »Staubfänger« würde man sie heute einstufen. Links stand Vaters Schreibtisch, hier nur im Anschnitt zu sehen. An der Rückfront stand ein Liegesofa, das Nachtlager für gelegentliche Besuche. Und in der Ecke gab es natürlich die bürgerliche Zimmerpalme und selbstverständlich eine Blumenbank. An der rechten Wand stand der Bücherschrank.
Im Herrenzimmer empfing Vater, der die Hausverwaltung übernommen hatte, Besuche wie den Hausbesitzer und auch Handwerker, die sich um Aufträge bemühten. Aus den Fenstern dieser Hausseite blickte man in die Rheinaue, man sah das Rheinbett, die Schiffe und am anderen Ufer die Industrieanlagen u.a. der Mannesmann Röhrenwerke.
Im Bild, links oben im Foto, sind zwei Schwestern meiner Mutter zu sehen. Links in Diakonissentracht Lise, die an meinem Konfirmationstag das Mittagessen vorbereitete
und rechts Frida, die Sekretärin der Stahlwarenfirma Carl Tillmanns Söhne in Solingen. Sie besorgte mir die Papierschere mit eingraviertem Namen.
Die hier vorgestellten Zimmer, wurden dann wegen der finanzellen Notlage untervermietet. Hier zogen dann »möblierte« Herren oder Damen ein, während meine Mutter und ich
ein Einzimmerdasein führten. Aber darüber später. Mein Bruder Helmut war zu dieser Zeit schon »außer Haus« und zum Reichsarbeitsdienst eingezogen.
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 Foto: Helmut Grözinger, ca. 1934
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Mannesmann-Röhrenwerke Rheinbett und davor der Sommerdeich, Franzosenschanze genannt Rheinaue
Die Woohrt, durchflossen vom Bach Kuppengraben
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Der Panorama-Blick für uns und unsere Besucher aus den Wohnungsfenstern in die landwirtschaftlich geprägte Rheinaue mit Äckern, Wiesen und weidenden Rindern.
Dahinter und direkt am Rheinbett die Mannesmann Industrieanlagen mit einem Riesengasometer und rechts die Hochöfen. So sah, wie hier, diese niederrheinische Landschaft ringsum aus: dörflich-bäuerlich, immer noch sehr naturnah, aber auf Distanz umstellt von Zechen, Stahlwerken und Chemiewerken. |
Hier der imposante Rheinanblick, beonders auch der beiden Hochöfen bei Nacht. Diese Aufnahme machte etwa 1938, auf Wunsch meiner Mutter, ein Fotograf, das Foto
ist signiert mit »Dr.H.«, vom Friemersheimer Rheinufer aus. Die jährliche Veranstaltung »Rhein in Flammen« konnte nicht eindrucksvoller sein. |
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In dieser Kirche wurden wir am 21. März 1937 geprüft und am 4.April konfirmiert.
Die Kirche steht direkt hinter dem Winterdeich und vor ihr eine Reihe Akazienbäume. »Die evangelische Dorfkirche in Friemesheim, wurde 1447 erbaut, 1508 erneuert, 1586
beschädigt, 1756/70 aber auf dem alten Grundriß neu errichtet. Im zweiten Weltkrieg brannte sie völlig aus. Nach dem Krieg wurde sie wieder hergestellt.«*) |
Die Konfirmanden vor der Kirche.
In der Mitte Pastor Pabst. Stehend, zweiter von rechts,
das bin ich. Die Aufnahme eines Unbekannten entstand am 21. März nach der Prüfung. |
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*)Text aus dem Buch »Rheinhausen in alten Bildern«
Lesen. Bei Grözingers wurde immer sehr, sehr viel gelesen. Was wurde gelesen?
Wir bezogen die »Rheinhausener Zeitung« und für die Mutter gab es, abboniert »Das Blatt der Hausfrau«. Das Heft mußten wir in jedem Monat bei Pannen in der Kaiserstraße, Friemersheims Hauptgeschäftsstraße, abholen und
gelegentlich durfte auch eine »Berliner Illustrierte« gekauft werden. Pannen führte Papier- und Schreibwaren, Zeitschriften, Bücher und hatte eine kleine Buchdruckerei. Hier versorgte man sich mit Schulheften, Tinten und Federn und vieles
andere mehr.
Bei Pannen bezogen wir die Schulbücher, sofern wir sie nicht gebraucht, aber gut erhalten, von anderen, älteren Schülern erwerben konnten.
Der erwähnte Herrenzimmer-Bücherschrank beherbergte die kleine Familienbibliothek,
aber auch mit zwanzig Bänden Meyers GroßesKonversations Lexika, »Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissen« Ausgabe ca. um1908, mit vielen wunderschönen Bildern, farbige und schwarzweiße. Die habe ich immer sehr gerne angeschaut.
Eine weitere Fundgrube für sehenswerte Inhalte war »Die Gartenlaube«, ein bürgerliches Familienmagazin mit einigen Bänden aus den Wendejahren vom 19. ins 20. Jahrhundert, die Mutters Großvater, der Buchbindermeister Hense in seiner Wuppertaler Meisterwerkstatt, jahrgangsweise eingebunden hatte.Sie waren reich mit Schwarz-Weiß-Bildern ausgestattet, in der Überzahl in der seinerzeit noch hochaktuellen Xylographie-Technik (Holzstich) hergestellt. Statt der noch nicht üblichen Fotos gab es, wie in den Lexika, sehr viele Zeichnungen, die Objekte detaillreich darstellten. Die gedruckte Wiedergabe von Fotos war noch selten anzutreffen und garnicht so standardisiert wie heute und wenn, dann nur schwarz-weiß.
Unser Lesehunger war sehr groß. Die Kruppsche Firma »Friedrich-Alfred-Hütte« in Rheinhausen, in der unser Vater als Ingenieur tätig war, hatte für seine Beschäftigten
eine Leihbibliothek eingerichtet, die von allen und unserer Familie sehr genutzt wurde. Hier erhielt vor allem Mutter ihre geschätzen Romane, Vater las sehr gerne Berichte aus
fremden Ländern, auch die des schwedischen Asienforschers Sven Hedin über seine Expeditionen, zum Beispiel »Durch die Wüste Gobi«.Ich las, je nach Alter, die Märchen der Gebrüder Grimm, von Wilhelm Hauff, Andersen und Mörike, die Kasper-Abenteuer der Josefine Siebe, Geschichten über Rübezahl und Münchhausen, die sieben Schwaben, die Schildbürger, auch Mümmelmann von Hermann Löns, dann die Nibelungen‚? und Sagen aus anderen Ländern und vieles andere mehr, darunter auch den »Lederstrumpf«.
Und natürlich die Bücher von Karl May und möglichst alle! Karl Mays und seiner Gefährten Abenteuer, das war doch was, die wurden von meinem Bruder Helmut und mir »verschlungen« Sie wurden so gerne gelesen, daß man, wenn man »dran« war, den Band vor der Lesekonkurrenz versteckte. Karl Mays Bücher wurden, da sehr beliebt, auch häufig in der Bibliothek verlangt und da es jeweils nur einen Band gab, hatte man schon Glück einen weiteren Band mit neuen Abenteuern zu erhalten.
Die Bibliothekarin, eine sehr strenge Dame wohl im mittleren Alter, achtete sehr darauf, daß wir auch andere Literatur erhielten, besonders die sie uns empfahl und zur Auswahl vorlegte. Doch eines Tages, ich hatte schon einen neuen Karl May erhalten, kam ich auf einen Einfall und sagte zur Bibliothekarin: »Ich möchte noch einen weiteren Karl May für meinen Vater«, den ich dann auch erhielt. Aber so ganz wohl war mir nicht nach dieser Schwindelattacke.
Helmut und ich waren richtig Karl-May-süchtig. Unsere Fahrräder benannten wir nach den berühmten Karl-May-Pferden, Ri der Araberhengst und Iltschis, das Pferd von Winetou
und damit rasten wir sehr schnell, was das Zeug hielt. Aber das ist ein weiteres Thema.
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