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Das Moerser Krankenhaus Bethanien, der Bergbau und die Kirche
Ein Beitrag von Reinald Lukas
Die Idee des Krankenhauses Bethanien geht auf das Jahr 1852 zurück. Der preussische
Kaiser Wilhelm IV. stattete in diesem Jahr Moers einen Besuch ab. Es wurde eine Stif
tung gegründet (1) zu der Friedrich Freiherr von Diergardt mit 5000 Talern und der
Vorstand von Rheinpreussen mit 51000 Talern eine bedeutende Summe beisteuerten,
während Wilhelm IV. nur 1000 Taler beisteuerte. Insgesamt 100000 Taler konnten so
für den am späteren Ostring gelegenen Neubau verwendet werden.
1859 konnten Kranke und Personal, von dem seit 1856 als Krankenhaus genutztem
Haus Tervoort, in das 19 Meter breite und 18 Meter tiefe Gebäude umziehen. Schon
1867, im Gründungsjahr der Knappschaft Rheinpreussen, gehörte mit dem Leiter von
Schacht I, Hochstrate, ein Zechendirektor dem Vorstand an. (2) Die Kapazität der Klinik lag noch im Jahre 1883 bei 35 bis 40 Betten,
aufgeteilt in drei große Krankensäle und einige kleine Krankenzimmer im Dachgeschoss. Außerdem gab es einen Operationssaal und nur eine Toilette pro Etage
für Männer und Frauen. Angesichts mangelnden Komforts und eines hohen Pflegesatzes, der mit 10 Silbergroschen doppelt so hoch lag wie in Kaiserswerth, war das
Krankenhaus nur schlecht belegt. Die Aufnahmezahlen stiegen nur langsam an, von auf etwa 50 in den siebziger Jahren und später auf 200 in den neunziger Jahren. (3)
Die durchschnittliche Liegezeit von
mehr als 100 Tagen lässt auf eine hohe Zeit chronisch Kranker schließen.
Das Krankenhaus war eine evangelische Institution, obwohl es auch Katholiken offen
stand. Zwei Diakonissinnen aus Kaiserswerth arbeiteten dort als Krankenschwestern. Eine dritte wurde nach der Fertigstellung des so genannten Epidemienhauses im Jahre
1874 eingestellt, wo 20 weitere Patienten versorgt werden konnten. (4)
1880 ergab eine Prüfung durch das Ordnungsamt einen mangelnden hygienischen und
medizinischen Standard des Krankenhauses. Insbesondere herrsche dort ein Mangel an
Operationsinstrumenten, der sich bei der Versorgung von schwerverletzten Bergleuten
der Zeche Rheinpreußen bemerkbar mache. Es dauerte jedoch bis zum 6. November
1907 bis das neue Krankenhaus Bethanien am Fünderich eingeweiht werden konnte. (5)
Durch umfangreiche Spenden an denen besonders die Zeche Rheinpreußen beteiligt war
und den Verkauf des alten Gebäudes an die Evangelische Kirchengemeinde, die es bis 1935 als Waisenhaus nutzte, kam die Finanzierung des neuen dreigeschossigen Gebäudes zustande. (6)
Entworfen wurde das Gebäude von dem Architekten der Zeche Ernst Vallentin (1870-
1931). Es verfügte über 100 Betten, davon 91 in der dritten Klasse, die vor allem von
Bergarbeitern genutzt wurden. 20 Betten waren allein reserviert für die Bergarbeiter von
Rheinpreußen. (7) Das Krankenhaus verfügte über eine Röntgeneinrichtung, Operationssaal, elektrische Aufzüge und Beleuchtung sowie Zentralheizung.
Ein erster Anbau wurde bereits 1911/12 erforderlich, obwohl es ab 1908 in Moers zusätzlich das katholische St. Josef Krankenhaus gab. (8)
Mit dem Abteufen von Schacht IV im September 1900 und Schacht V (der spätere
Schacht IX) im Dezember 1900 rückte der Bergbau in die unmittelbare Nähe des Krankenhauses. Bereits drei Jahre später begannen die vertraglichen Beziehungen zum Bergbau.(9)
Am 22. September 1903 schrieben die Direktion des Steinkohlebergwerkes Rheinpreußen und der Vorstand des Knappschaftsvereins Rheinpreußen an das Krankenhaus Bethanien:
„Auf das gefällige Schreiben vom 4. Juli 1903, dessen verspätete Beantwortung wir zu
entschuldigen bitten, beehren wir uns, Ihnen mitzuteilen, dass wir bereit sind, einen Anschluss an ihr Krankenhaus auf folgender Grundlage anzubahnen:
Der Knappschaftsverein Rheinpreußen und die Zeche Rheinpreußen schenken dem
Krankenhaus Bethanien für den beabsichtigten Erweiterungsbau je 10000,- Mark in der
Unterstellung, dass
1. in den Vorstand des Krankenhauses Bethanien 2. Mitglieder der Zechendirektion berufen wurden;
2. die dem Krankenhaus Bethanien zu überweisenden Knappschaftsmitglieder und deren Angehörige ausreichende und der Neuzeit entsprechende Pflege erhalten. Für die
dem Krankenhaus Bethanien überwiesenen verletzten Knappschaftsmitglieder muss geeignete chirurgische Hilfe gewährt werden. Nähere Vereinbarungen bleiben vorbehalten.
Die Knappschaftskasse Rheinpreußen verpflichtet sich, sobald der beabsichtigte Erweiterungsbau fertig gestellt ist, auf die Dauer von zehn Jahren sämtliche Mitglieder, die
auf den Schächten IV und V verletzt werden und wofür Krankenhauspflege ärztlich
verordnet wird, dem Krankenhaus Bethanien zuzuweisen. Sodann sollen erkrankte Mitglieder der Knappschaftskasse und Mitglieder der Familienkrankenkasse, die in der
Umgebung von Moers und in den dort eventuell zu erbauenden Zechen-Kolonien wohnen, dem Krankenhaus Bethanien überwiesen werden. Es wird vorbehalten, auch kranke und verletzte
Mitglieder von den Schächten I, II und III dem Krankenhaus Bethanien
zuweisen zu dürfen.
Der Knappschaft-Vorstand gewährt dem Krankenhaus Bethanien für die Dauer dieses
Abkommens einen Pflegesatz von 1.50 bis 2,00 Mark für den Tag. Auch hierüber bleiben weitere Vereinbarungen vorbehalten.
Indem wir hoffen, dass vorstehendes Abkommen Ihr Einverständnis findet, zeichnen
wir
Hochachtungsvoll
Der Vorstand des Knappschafts- Steinkohlen-Bergwerkvereins Rheinpreußen Rheinpreußen
Die Direktion
gez. Pattberg
gez. Siederberg“ (10)
Aus dem geplanten Umbau wurde schließlich ein Neubau, der wie bereits oben erwähnt,
1907 fertig gestellt wurde und dessen Gelände von fünf Morgen Land die Zeche Rheinpreußen bereitstellte, die sich außerdem zusammen mit dem Knappschaftsverein mit einer Spende von 50 000 Mark beteiligte (11).
Seit dem Jahr 1904 verfestigte sich die Zusammenarbeit zwischen den Vorständen der
Bergwerksgesellschaften und Bethanien. Erstere wurden fester Bestandteil der Verwaltungsorgane des Evangelischen Krankenhauses. Ein Blick auf die Liste des vierzehn
köpfigen Vorstandes von Bethanien des Jahres 1927 zeigt, dass neben Generaldirektor
Heinrich Pattberg von Rheinpreußen, auch der Bergwerkdirektor der Niederrheinischen
Bergwerks AG, Walter Etzold, sowie der Bergwerksdirektor der Friedrich-Heinrich Zeche, Werner Brand vertreten waren. (12) Alle drei gehörten auch dem Verwaltungsrat
von Bethanien an. Brand förderte die Entwicklung des Krankenhauses als dessen Vorstandsvorsitzender von 1936 bis 1957. (14)
Ende 1928 löste die neue Generaldirektor von Rheinpreußen Dr. Heinrich Kost, Heinrich Pattberg als Vorstandsmitglied ab und wurde nach dem Tod Etzolds, im Februar
1957, neuer Vorstandsvorsitzender. (15) In seiner Amtszeit setzte sich Dr. Kost u.a. für den Aufbau einer Kinderklinik ein, da es
im gesamten Raum des linken Niederrheines keine gab. Bereits 1959 konnte sie eröffnet
werden. (15) Die Einrichtung einer Intensivstation für die Innere Abteilung im Jahr
1972 und die Modernisierung der Röntgenabteilung im Jahr 1973, geht ebenfalls auf
seine Initiative und die der anderen Bergwerksdirektoren zurück. (16)
Erst im Herbst 1976 trat er aus Altersgründen zurück und übergab den Vorsitz an das
kaufmännische Vorstandsmitglied der Bergbau AG Niederrhein, Bergwerksdirektor Dr.
Gerhard D. Gärtner ab, während er selbst Ehrenvorsitzender des Vorstandes des Bethanien Klinikums blieb. Der Grund für diese Auszeichnung war sein fast
50jähriges Engagement für das Krankenhaus, das zu dem Ausbau und zu der wachsenden Bedeutung
des Krankenhauses einen wichtigen Beitrag geleistet hatte. (17)
Zum 01. November 1982 wurde der heutige Vorsitzende Dr. Hermann Boldt und Bergwerksdirektor Dr. Herman Boldt zum neuen Vorsitzenden gewählt, nachdem Dr. Gärtner aus
gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war. (18) In einem Interview der
Zeitschrift BAG Niederrhein von 1983, wies er auf die jahrzehntelange gute Zusammenarbeit zwischen Bergbau und dem Krankenhaus
Bethanien hin, und darauf, das die Knappschafsangehörigen immerhin 50 Prozent aller Patienten stellten. (19) Noch Anfang der 50er
Jahre waren es 77 Prozent gewesen. (20) Auch hatte der Niedergang des
Bergbaues seine Spuren hinterlassen.
Dennoch blieben die Bergleute auch in den achtziger und neunziger Jahren eine wichtige Größe in der Geschichte des Bethanien Krankenhauses. So wurde etwa im Jahr 1982
von 188 Bergarbeitern Blut für Bethanien gespendet, das waren über 70 Spender mehr
als im Vorjahr. (21)
Als 1990 die Schachtanlage „Rheinpreußen“ , sowie drei Jahre später die Zeche „Pattberg“ und 2001 schließlich das Bergwerk „Niederberg“ geschlossen wurde, setzte
sich dennoch die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Krankenhaus Bethanien
und der Bundesknappschaft Moers fort. Das war nicht nur auf das immer noch arbeitende Bergwerk Friedrich Heinrich mit seinen über 3500 beschäftigten Bergleuten zurückzuführen.
Die Berufsgenossenschaft ist vielmehr mit dem Sozial-medizinischen
Dienst weiterhin in den Räumen von Bethanien vertreten.
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(1) Vgl. Hermann Burghard, Moers vom Wiener Kongress bis zum Ende des Ersten
Weltkrieges, in: Margret Wensky, Moers – die Geschichte der Stadt von der
Frühzeit bis zur Gegenwart, 2Bde, Bd. 2, Köln 2000, S. 143-312, hier S. 258f.
(2) Stiftung Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers (Hrsg), Krankenhaus
Bethanien 1852-2002. 150 Jahre im Dienste Ihrer Gesundheit, Moers 2002, S. 11
(3) Vgl. Burghard, Moers vom Wiener Kongress bis zum Ende des Ersten Weltkrieges,
S. 259.
(4) Vgl. ebenda, S. 260.
(5) Vgl. Evangelische Kirchengemeinde Moers, Essen 1929, S.28
(6) Vgl. H. Burghard, Moers vom Wiener Kongress bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, S. 260.
(7) Vgl. ebenda.
(8) Vgl. ebenda..
(9) Vgl. Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers 25. Mrz 1852 – 25. Mrz.
(10) Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers, 10-11.
(11) Vgl. ebenda, S. 11.
(12) Vgl. Evangelische Kirchengemeinde Moers. Gemeindebuch, Essen 1929, S. 28.
(13) Vgl. ebenda.
(14) Vgl. Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers, S. 12.
(15) Vgl. Traditionelle Verbundenheit zwischen Bergbau und Krankenhaus
Bethanien, in: Ruhrkohle – BAG Niederrhein, Nr. 4, 1983, S. VIII-IX.,
hier: S. VIII; Stiftung Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers (Hrsg.),
Krankenhaus Bethanien 1852-2002, S. 19 u. 71.
(16) Vgl. ebenda.
(17) Vgl. Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers, S. 12f.
(18) Vgl. Traditionelle Verbundenheit zwischen Bergbau und Krankenhaus
Bethanien, S. IX.
(19) Vgl. ebenda, S. VIII.
(20) Stiftung Krankenhaus Bethanien für die Grafschaft Moers (Hrsg.), Krankenhaus
Bethanien 1852-2002, S. 20.
(21) Vgl. Rheinpreußen-Mitarbeiter waren sehr spendefreudig, in: Ruhrkohle – BAG
Niederrhein, Nr. 4, 1983, S. IX.
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